Maria Montessori

Montessori Pädagogik


von Pia Kähler

3. Das Material

In diesem Kapitel soll das Material, welches schon öfters erwähnt wurde, genauer betrachtet werden.
Wie alles in der Montessori-Pädagogik, zielt der Umgang mit den Materialien auf eine innere Ordnung des Kindes (bei Montessori auch „Normalisierung“ genannt)ab.
Das Material basiert zum Teil auf den Ideen von Itard und Séguin, wurde aber auch von Montessori selbst entwickelt und nach gründlichen Beobachtungen an den Kindern immer wieder verändert und ergänzt.
Das Material hat autodidaktischen Charakter. Es wird leider oft falsch angewandt, indem die Erzieher/ Lehrer den Kindern den genauen Umgang damit vorschreiben. Es ist jedoch nicht so, dass es partout nur eine Möglichkeit des Umgangs gibt. Das Material lässt Freiräume. Es soll Aktivität auslösen und nicht nur zur Reaktion animieren.
Es muss zwar eine kleine Einführung in den Gebrauch von Seiten des Lehrers/ Erziehers geben, jedoch sollte dieser sehr bedächtig und sparsam mit seinen Worten umgehen und das Kind eigene Entdeckungen machen lassen. Kinder brauchen Entdeckungsräume.
In speziellen Vorträgen und Einführungen in das Material werden die Erzieher/ Lehrer dazu angehalten, das Material selber auszuprobieren.
Ein wichtiger Punkt des Materials ist, dass es keine Probleme aufstellen soll, die gelöst werden müssen. Es ist vielmehr als Übung konzipiert, die den Kindern Platz für eben diese Entdeckungen lässt.
Die Arbeit mit dem Material hat meist kein eindeutiges Ende. Im Gegensatz zu beispielsweise Knete, die irgendwann geformt ist, setzt hier allein das Bedürfnis des Kindes der Tätigkeit ein Ende.
In vielen Übungen wird das Kind ganzheitlich angesprochen. Das heißt, dass es sowohl kognitive, als auch motorische Impulse erhält. Gerade die Tätigkeit der Hand spielt eine wichtige Rolle, da sie für sehr bedeutsam in Bezug auf die innere Sammlung und Heilung erachtet wird.
Die von Itard und Séguin übernommenen Übungen beziehen sich schwerpunktmäßig auf die Förderung der Sinne und des Erlernens von rechnen, schreiben und lesen.

Generell gibt es folgende zentrale Punkte des Materials:

1. Das Material fordert nur zu begrenzten Übungen auf. Es wird nur ein Teil eines komplexen Sachverhalts angesprochen und verinnerlicht.

2. Die Kinder können ihre eigenen Fehler selber bemerken und korrigieren. Sie benötigen keine außenstehende Person, die ihnen ihre Fehler erklärt und damit eventuell eine Frustration auslöst.

3. Das Material ist so konzipiert, dass seine Verwendung leicht erkennbar ist und eine Einführung des Lehrers/ Erziehers nur in geringem Maße von Bedeutung ist.

Es gibt zum Beispiel das Sinnesmaterial. Bei diesen Übungen wird nur ein isolierter Sinn angesprochen, in dem sich die Aufmerksamkeit sammelt.
Die Eigenschaften von Gegenständen werden durch Isolierung der Qualität leichter und intensiver erfasst. Es kann zu einer meditativen Aufnahme kommen.
Eigenschaften, wie Farbe, Größe und Form sollen nicht durch Begriffe erlernt, sondern durch die Sinne entdeckt werden.
Die in den Übungen angesprochenen Dinge und Eigenschaften kennen die Kinder bereits aus ihrem Alltag, jedoch sind sie ihnen nur als diffuse Eindrücke bekannt.
Mit Hilfe der Isolation der Eigenschaften sollen nun die Dinge geordnet und geklärt werden.
Das Kind lernt seine Umwelt besser zu verstehen.

Im folgenden Abschnitt werde ich einige Beispiele zu den Sinnesmaterialien geben:

Ø Die Farbtäfelchen: Es gibt einen Kasten mit 6 Holztäfelchen. 2 Täfelchen sind gelb, 2 rot und 2 blau. Zum leichteren Anfassen sind kleine Holzleisten am Rand jedes Täfelchens angebracht. Das Kind hat nun die Aufgabe jeweils die Täfelchen mit der selben Farbe zu Paaren zuordnen. Bei dieser Übung wird ausschließlich die Eigenschaft der Farbe angesprochen. Die Unterscheidung der Farben wird geschult. Außerdem wird die Aufmerksamkeit für Farbunterschiede geweckt. Es gibt für die weitere Übung größere Kästen mit 18 oder 22 Täfelchen, deren Farben sehr fein abgestuft sind.

Ø Die Kommode mit 6 Schubladen: Es gibt eine Kommode mit 6 Schubladen. Jede Schublade enthält unterschiedliche geometrische Formen aus Holz. So sind z.B. in der 1. Schublade Kreise, in der 2. sind Rechtecke, in der 3. Dreiecke , in der 4.Quadrate, in der 5. Trapeze und in der 6. Vielecke. Die Schubladen werden entleert und die Formen gemischt. Das Kind fährt die Form eines jeden Gegenstands mit Zeige- und Mittelfinger nach und ordnet es wieder den einzelnen Schubladen zu. Dabei wird das Auge und der Tastsinn geschult. Auf den ersten Teil der Übung folgt ein zweiter: Es
gibt Karten, auf denen ein geometrischer Gegenstand auf verschiedene Weise abgebildet ist. Bsp.: Das Kind hat nun die Aufgabe, die Holzstücke auf die passenden Karten zu legen. Hier wird das Auge geschult und die Abstraktionsfähigkeit gefördert.

Ø Gehörbüchsen: Dieses Material stellt eine Art Geräusche- Memory dar. Es gibt mehrere Dosen, die mit unterschiedlichen Materialien gefüllt sind ( z.B. Reis, oder Steinchen) jeweils zwei Büchsen haben den selben Inhalt. Das Kind soll nun die jeweils gleichen Büchsen zusammenstellen. Hier wird das Ohr gefördert und sensibilisiert.

Ø Die Glocken: Auch bei dieser Übung wird das Ohr angesprochen. Das Kind hat verschiedene Glocken vor sich, von denen jeweils zwei den selben Klang erzeugen. Das Kind schlägt die Glocken mit einem kleinen Hammer an und paart die gleichen Töne.

Ø Die roten Stäbe: Es gibt 10 rote Holzstäbe, die sich in ihrer Länge unterscheiden. Der längste Stab ist 1 m lang, der kürzeste 10 cm. Bei dieser Übung kann der Umgang mit dem Material sehr flexibel sein. Die Stäbe können der Reihenfolge nach geordnet werden, oder so gelegt werden, dass die Länge von 2 aneinanderliegenden Stäben zusammen der Länge eines anderen Stabs entspricht etc. Das Kind erkennt dadurch die Reihenfolge der Abstufung und es wird zugleich das mathematische Verständnis gefördert. Es kann beispielsweise erkennen, dass 2x der 2. Stab= der Länge des 4. Stabs entspricht.[4]

Die Liste dieser Beispiele ließe sich noch weiter fortführen, aber es sollte nur ein Einblick in die Beschaffenheit dieser Materialien gegeben werden.
Das Ziel ist, wie gesagt dem Chaos Ordnung zu vermitteln. „Das Kind drängt aus seiner Dumpfheit, aus einer Art diffus zu sehen, zur Klarheit[...]“[5]
Die Übungen fördern ein Interesse an Genauigkeit und weiteren Entdeckungen. Es soll eine Grundlegende Ordnung erlangt werden, die es den Kindern ermöglicht ihre Umwelt bewusster wahrzunehmen und in ein bestimmtes System einzuordnen. Ohne dieses Ordnungssystem werden Eindrücke aufgenommen und unwillkürlich abgespeichert. Dadurch entsteht ein Chaos im Kopf, welches die Kinder unruhig und angespannt macht. Der Geist des Kindes soll sich nicht in Impressionen zerstreuen, sondern wach arbeiten.
Die Kinder lernen ihre Umwelt genauer kennen und überblicken diese schneller. Wenn sie z.B. einen Fensterrahmen betrachten bemerken sie, dass er die Form eines Rechtecks hat. Diese Impression wird dann gleich einem bestimmten Bereich zugeordnet. Oft ist es auch so, dass die Kinder plötzlich ganz erstaunt feststellen, dass der Himmel blau ist. Dies haben sie vorher einfach nicht wahrgenommen. Durch die Sensibilisierung der Sinne und aller Wahrnehmungen, können die Kinder viel besser einen Bezug zu ihrer Umwelt herstellen.
Man kann das Material demnach auch als Rüstzeug betrachten um die Welt besser kennen zulernen.[6] Dadurch, dass das Kind die Umwelt schneller überblicken und einordnen kann, stellt die Aufnahme neuer Informationen keine starke Anstrengung mehr für sie dar. Die Konzentrationsfähigkeit wird gefördert. Die Kinder können zur Ruhe, Kraft und zum Gleichgewicht der Persönlichkeit kommen.
Sobald das Kind eine Ordnung verinnerlicht hat, legt es das Material beiseite und wendet sich einer neuen Tätigkeit zu.

[4] Vgl. Helming, H.: Montessori-Pädagogik. S 45 –47.

[5] Vgl. Ebd. S.48.

[6]Vgl. Ebd. S. 49
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