Noten

Einführung in die
Musikpsychologie

1. Musikpsychologie - Gegenstandsbereich und interdisziplinäre Bezüge

Nach Bruhn, Oerter & Rösing (1993, 19) ist es die Aufgabe der Musikpsychologie, "die universellen Gesetz­lichkeiten beim Musikhören und Musikmachen zu erforschen". Musikpsychologie steht dabei im Schnittpunkt verschiedener Disziplinen, deren Interesse sich einerseits auf das wahrgenommene und erzeugte Phänomen Musik, andererseits auf den wahrnehmenden und musizierenden Menschen richtet: Musikpsychologie liegt damit im Überschneidungsbereich der übergeordneten Fächer Psychologie und systematische Musikwis­senschaft, wobei sich letztere im Unterschied zur historischen Musikwissenschaft vor allem mit der Musik­theorie, aber auch mit Musiksoziologie und Musikästhetik sowie eben auch mit der Musikpsychologie befasst. Der Begriff "Musik" umfasst dabei 1) die externe Kodierung und Speicherung von Musik, 2) akustische Struk­turen und 3) wahrgenommene und repräsentierte Schallereignisse (Bruhn, Oerter & Rösing 1993, 2), wobei für die Musikpsychologie vorwiegend der dritte, aber auch der zweite Aspekt relevant ist.

Musikpsychologie stellt in vielfacher Hinsicht die Anwendung von Theorien und Methoden verschiedener psy­chologischer Teildisziplinen auf den Umgang mit Musik dar. Sofern es um das Wahrnehmen, Erkennen und Wiedererkennen von musikalischen Ton- und Klangstrukturen sowie von Rhythmusstrukturen wie z.B bei dem Spielen auf Drums geht, lässt sich Musikpsychologie zunächst als spezialisierter Zweig der Allgemeinen Psychologie begreifen. Ein entwicklungspsychologischer Zugang ergibt sich durch die Frage nach der Entwicklung musikalischer Fähigkeiten oder nach altersabhängigen Ein­stellungsveränderungen zu musikalischen Formen und Stilen. Querverbindungen zur Persönlichkeitspsycho­logie ergeben sich etwa durch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstruktur und mu­sikalischen Vorlieben. Sozialpsychologische Themenbereiche (s. dazu Hargreaves & North 1997) werden et­wa durch die Frage nach der soziokulturellen Prägung des musikalischen Geschmacks oder auch nach der Rolle der Musik im Zusammenleben sozialer Gruppen, insbesondere in der Jugendkultur, berührt. Weitere Be­reiche (etwa die sog. "funktionelle Musik") berühren das Gebiet der Angewandten Psychologie, und die thera­peutischen Anwendungen von Musik reichen in den Bereich der Klinischen Psychologie hinein.

Wie an alle anderen menschlichen Wahrnehmungsprozesse kann man auch an die Wahrnehmung von Musik auf verschiedenen Ebenen herangehen. Die elementarste Ebene wäre dabei die physiologische Ebene: Hier geht es zunächst einfach um die Frage, wie musikalische Schallereignisse im Ohr in elektromagnetische Reiz­impulse umgesetzt und im Zentralnervensystem verarbeitet werden. Mit den gesetzmäßigen Beziehungen zwischen der physikalischen Charakteristik von Tönen und ihrer Wahrnehmungsweise befasst sich der mu­sikpsychologische Zweig der Psychoakustik.

Die kognitive Musikpsychologie befasst sich mit Leistungen, die man als ”höhere kognitive Funktionen” be­zeichnen kann, dh. etwa spezielle Wahrnehmungs- und Gedächtnisleistungen in Bezug auf Musik. z.B. inwie­fern die Struktur einer Melodie deren Wiedererkennbarkeit und Reproduzierbarkeit beeinflusst (s. dazu etwa Deutsch 1999). Sie geht dabei insofern über die rein psychakustischen Fragestellungen hinaus, als sie Wahr­nehmung von Musik nicht als Reaktion auf einen akustischen Reiz versteht, sondern als Anwendung kogniti­ver Bezugssysteme zur Strukturierung und Analyse komplexe akustischer Reizmuster.

Eine weitere Ebene eröffnet sich dadurch, dass Musik, wie es Bruhn, Oerter & Rösing (1993, 19) formulier­en, "a priori ein soziales Phänomen" ist, das eine gesellschaftliche Funktion hat und Bestandteil der Kul­tur einer Gesellschaft ist". Dies verweist auf die kulturpsychologische Dimension der Musikpsychologie an, die auch in zahreichen kulturvergleichenden Untersuchungen ihren Niederschlag gefunden hat. Revers (1970) verweist darüber hinaus auf die anthropologische Dimension, nämlich die Frage, was die Fähigkeit, sich musikalisch auszudrücken und zu empfinden, über das Wesen des Menschen aussagt.

Bruhn, Herbert; Oerter, Rolf & Rösing, Helmut (Hrsg.) (1993). Musikpsychologie. Ein Handbuch. Reinbek: Ro­wohlt (rowohlts enzyklopädie; 526).

Deutsch, Diana (ed.) (1999). The Psychology of Music, 2nd ed., San Diego, CA: Academic Press

Hargreaves, David J. & North, Adrian C. (eds.) (1997). The social psychology of music. Oxford: Oxford Univ.Pr

Revers, Wilhelm J. (1970). Das Musikerlebnis. Düsseldorf: Econ.
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