Maria Montessori

Montessori Pädagogik


von Pia Kähler

6. Die Freiheit

Die Freiheit spielt in der Montessori-PÀdagogik eine entscheidende Rolle. Der auffÀlligste Bereich ist die freie Wahl der Arbeit.
Bei Montessori ist die Methode der freien Arbeit besonders in KinderhÀusern und Grundschulen dominant.
Maria Montessori begrĂŒndet ihre Theorie vor allem damit, dass gerade kleine Kinder noch Probleme haben Aufforderungen Folge zu leisten, da sie ihren Körper noch nicht so gut beherrschen und der Geist Schwierigkeiten hat sich den Körper unterzuordnen. Bewegungen können einfach noch nicht ausreichend gut koordiniert werden.
Zum zweiten kann nur durch die freie Wahl echtes Interesse an einem Gegenstand entstehen. Dies ist die Voraussetzung dafĂŒr, dass das Kind seine FĂ€higkeiten entwickeln kann und dabei zur inneren Ruhe und Ordnung gelangt. Nur so kann auch eine wichtige Grundkomponente in der Entwicklung des Kindes entstehen: die Polarisation der Aufmerksamkeit (ich werde spĂ€ter genauer auf diesen Begriff eingehen).
Bei fremdbestimmten Aufforderungen kann oftmals eine Trotzreaktion im Kind ausgelöst werden, die das Erreichen der oben genannten Ziele verhindert.
Ein Lehrplan zeigt sich bei Montessori nur in der VerĂ€nderung des Materials, welches angeboten wird. Es ist wichtig dem Kind kein Überangebot an Materialien darzubieten, da sich die Kinder sonst nur schwer auf eine einzige Arbeit konzentrieren können. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass das Material geordnet, frei zugĂ€nglich ist und dem Kind seine Verwendung zuruft.[10] Es darf deshalb nicht sensationell aufgebaut sein, sondern soll den echten BedĂŒrfnissen des Kindes entsprechen, nĂ€mlich seine Erkenntnis und das Können zu erweitern.
Die Aufgabe des Lehrers/ Erziehers liegt darin, das richtige Material zur richtigen Zeit einzufĂŒhren. Er soll dabei sorgsam die Menge und Art der Materialien auswĂ€hlen. FĂŒr die nötige Kompetenz die diese Aufgabe erfordert, sind genaue Beobachtungen der Kinder unverzichtbar.
Die Hingabe an eine Arbeit ist das grobe Ziel, dass durch die freie Wahl verfolgt wird, da die Kinder so zur inneren Ordnung kommen. Jedoch ist ein gewisser Grad an innerer Ordnung bereits die Voraussetzung dafĂŒr, dass das Material sinnvoll genutzt wird. Das Kind besitzt sonst noch nicht die FĂ€higkeit, eine Entscheidung zu treffen. Es hört nicht den inneren Drang in sich.
Diese Methode hat mehrere Vorteile:

Es wird auf die individuellen BedĂŒrfnisse des Kindes eingegangen, so dass sich das Kind seinen FĂ€higkeiten und Neigungen entsprechend entwickeln kann.

Das Kind kann nach seinem eigenen Tempo arbeiten und so zu einem tiefer gehenden VerstÀndnis von Dingen kommen, als wenn es unter dem Zeitdiktat der Schulstunde steht.

Schließlich wird auch die EntscheidungsfĂ€higkeit gefördert.

Kritiker beklagen, dass man im spÀteren Leben auch nicht immer nur das tun kann, wozu man Lust hat. Dem setzt Montessori jedoch entgegen, dass man erst einmal KrÀfte sammeln muss, bevor man sie ausgeben kann. Das Kind muss zunÀchst innerlich gestÀrkt werden um spÀter auch ungeliebte Aufgaben erledigen und ihnen dann doch etwas positives abgewinnen zu können.[11]
Die freie Wahl ist jedoch auch nur begrenzt durchfĂŒhrbar, da es sein kann, dass sich ein Kind bereits fĂŒr das Wunschmaterial eines anderen Kindes entschieden hat.
Dies ist jedoch nicht als Nachteil anzusehen, da es so zur Begegnung mit anderen und zur SelbstĂŒberwindung um des anderen Willen fĂŒhrt.
Damit das Prinzip der freien Wahl erfolgreich ist, bedarf es, wie schon einmal kurz erwÀhnt, der Polarisation der Aufmerksamkeit.
Es ist ein immer wieder zu beobachtendes PhĂ€nomen. So wurde ein MĂ€dchen beobachtet, das 44 mal eine Übung durchfĂŒhrte und sich durch nichts abbringen ließ. Dann, ohne Ă€ußeren Auslöser, legte sie die Übung weg, weil sie sich selbst dazu entschloss. Daraufhin ging sie freundlich und offen auf andere Kinder zu.[12]
Das MĂ€dchen war so in die Aufgabe vertieft, dass es alle Umgebungsreize ausblenden konnte und sich nur auf diese Arbeit konzentrierte. Das ganze Handeln und Denken hatte nur ein Ziel: Die Übung. Es kommt zu einer Einigung von Geist, Bewegung und der Sinne. In der Psychologie spricht man dabei von einem Flow-Erleben.
Diese tiefe Konzentration bewirkt eine Ordnung der Persönlichkeit. Das Kind fĂŒhlt sich wohl, ist zufrieden , ruhig und geordnet.
Ist dieser Zustand erreicht, spricht man von der Polarisation der Aufmerksamkeit.
Die Kinder hören auf ihre BedĂŒrfnisse, die dann auch befriedigt werden mĂŒssen, da sie sonst einschlafen und potentielle FĂ€higkeiten verkĂŒmmern.
Wenn immer das PhÀnomen der Polarisation der Aufmerksamkeit auftrat, wurde eine grundlegende VerÀnderung im Kind festgestellt: Es wurde ruhiger, entwickelte einen Gemeinschaftssinn, konnte das innere Chaos in sich ordnen und war zufriedener, offener und heiterer.
Zum Gelingen dieses PhĂ€nomens ist jedoch auch Ă€ußere Ordnung von großer Wichtigkeit, da es fĂŒr die innere Ordnung auch Ă€ußerer Ordnung bedarf.
Montessori unterteilt die Konzentration in drei Phasen:

1. Vorbereitung: Das Kind sucht sich das benötigte Material und stimmt sich ein.

2. große Arbeit: Das Kind fĂŒhrt die gewĂ€hlte TĂ€tigkeit bis zur SĂ€ttigung durch.

3. nach der großen Arbeit: Das Kind verarbeitet innerlich das Erlebte.

Wenn man von Freiheit in der Schule spricht, wird dies oft mit Unordnung und Chaos assoziiert. Dies ist selbstverstĂ€ndlich nicht das von Montessori angestrebte Ziel. Wie sich schon in den ersten beiden Abschnitten herausgestellt hat, sollen die Kinder zur inneren Ruhe und Ordnung gefĂŒhrt werden. Die Stille entsteht vielmehr erst durch die Freiheit, weil die Kinder in eine von ihnen gewĂ€hlte Aufgabe versinken können. Stille ist ein Zeichen fĂŒr die Hingabe an eine Arbeit.
Ja, Kinder sollen sich frei nach ihren BedĂŒrfnissen entwickeln können. Sie streben nach SelbststĂ€ndigkeit und sind erfreut, wenn sie etwas alleine tun können (z.B. den Reisverschluss der Jacke schließen). Gleichzeitig streben sie aber auch nach Anpassung. Diese beiden Komponenten sind fĂŒr den Erwerb der Freiheit unerlĂ€sslich.
Montessori geht davon aus, dass wahre Freiheit nur in Gott erreicht wird. Demzufolge lÀsst sich auch ihr Vertrauen in die Kinder ableiten. Sie geht davon aus, dass der eigentliche Wille des Menschen ,der zum Guten und zur Liebe ist.
Die freie Wahl fĂŒhrt zur Verantwortung: Die Kinder haben sich fĂŒr etwas entschieden und mĂŒssen mit ihrer Entscheidung leben. Außerdem wird die Willensentfaltung und SelbstausprĂ€gung gestĂ€rkt. Die Kinder lernen sich und ihre BedĂŒrfnisse kennen. Sie erlernen eine SensibilitĂ€t fĂŒr das Wahrnehmen der inneren Stimme. Wenn das Kind dann seinem inneren Ruf folgt, wĂ€chst das Selbstbewusstsein.
Mit dem Material lernt das Kind die Umwelt und Gesellschaft kennen und verstehen. Es lernt diese Ordnung zu achten und selbst Teil der Ordnung zu werden. Dies Ă€ußert sich in der RĂŒcksichtnahme auf andere. Somit wird in der Freiheit ebenso die soziale Kompetenz gefördert.
Die Erziehung zur Freiheit soll das Kind mĂŒndig machen. Es lernt erkennen, was gut und was böse ist. Es lernt auf sein Gewissen zu hören.
Die Erziehung zur Freiheit meint bei Montessori keines Wegs eine Form der antiautoritÀren Erziehung, sondern eine Form der inneren StÀrkung, Ordnung und individuellen Förderung des Kindes.

[10] Vgl. Helming, H.: Montessori-PĂ€dagogok. S.42.

[11] Vgl. Ebd. S.65.

[12] Vgl. Ebd. S.53.
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